Basisinformationen: Grammatische Erwerbsstörung

Grundlegende Theorien
Störungsbilder
Ätiologie (Ursachenvermutungen)
Erwerbsphasen
Therapieansätze
Diagnoseverfahren

Grundlegende Theorien

  • Nativistische Position
  • Psychologische Theorien
  • Interaktionistischer Ansatz
  • Integrative Theorie

Einen angemessenen theoretischen Rahmen für die Erklärung des Grammatikerwerbs bilden integrative Ansätze, welche die zu einseitigen linguistischen (nativistische Position), psychologisch orientierten (Behaviourismus und kognitive Entwicklungstheorie) und funktionalistisch-interaktiven Ansätze sinnvoll aufeinander zu beziehen versuchen.Wie eine solche integrative Theorie grundsätzlich beschaffen sein müsste, hat Dannenbauer (1999) skizziert. Als Schritte in Richtung einer solchen integrativen Theorie können die Theorie der „Operating Principles“ von Slobin und die Lernbarkeitstheorie von Pinker angesehen werden. Ähnlich wie zum Beispiel auch Hansen haben deren Ansätze trotz des nativistischen Selbstverständnisses der Autoren objektiv eine integrative Tendenz (vgl. Motsch 2006, Hansen 2005).Bei dem grammatischen Lernen spielen Trigger eine große Rolle. Aus dem uneindeutigen Sprachangebot filtert das Kind die für das grammatische Lernen wesentlichen Elemente (Trigger) selbst heraus. Die Gesamtheit aller Trigger ist das Intake. Diese Filter funktionieren mithilfe von semantischen und syntaktischen Bootstrapping-Strategien. Das Kind macht also vom Input einen selektiven Gebrauch.Die sprachspezifischen Fähigkeiten, die es dem Kind erlauben, das sprachlichen Intake zur grammatischen Regelinduktion zu nutzen, basieren anscheinend teilweise auf Parameterfixierungen.Weiterhin spielen nichtsprachspezifische Problemlösungsstrategien (kognitive Verarbeitungsfähigkeit: klassifizieren, Analogien bilden, strukturieren, planen) beim Grammatikerwerb eine Rolle.Hinzu kommt die Fähigkeit des Kindes zur Imitation. Hierbei handelt es sich um eine kognitive Strategie, die auch zeitverzögert und produktiv auftreten kann. Zudem sind verschiedene Verarbeitungsniveaus möglich („aktive Verarbeitung“, „kreative Verfügbarmachung des Input“, Motsch 2006, 33). Die Leistungsfähigkeit des imitierenden Lernens im Spracherwerb hängt ab von Lernvariablen, Systemvariablen und Aufgabenvariablen.Lernvariablen (Umgebungsvariablen) sind:

  1. Assoziative Umgebungsvariablen (Ereignisse, deren Benennungen, Funktion und Form),
  2. die Aufmerksamkeit des Kindes für Sprache und die
  3. operanten Umgebungsvariablen (auf die Äußerungen des Kindes erfolgt immer wieder ein soziales Feedback im Sinne von Verstärkung der kindlichen Äußerungen).

Systemvariablen meint die Anpassung an den sprachlichen Lernstand des Kindes seitens der Umgebung im Hinblick auf das kognitive und linguistische Niveau, sein Wissen und seine individuellen Erfahrungen.Aufgabenvariablen: Verständnisaufgaben sind leichter zu lösen Produktionsaufgaben. Es muss deshalb zunächst rezeptives Wissen aufgebaut werden, erst dann kann dieses rezeptive Wissen sprachproduktionsleitend werden (Motsch 2006. Berg 2005).

Störungsbilder

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      • Kontroverse: unausbalancierte Entwicklungsmuster (z. B. Leonard) oder qualitativ andersartige Entwicklung. Scholz (1978): Entwicklungsdysgrammatismus strukturell affiziertes Störungsbild, die Grammatik ist qualitativ andersartig. Leonard (1987, nach Dannenbauer 1989) geht davon aus, dass „Entwicklungsdysphasie“ weder spezifisch noch eine Störung sei, sondern lediglich eine Reihe sprachlicher und nichtsprachlicher Fähigkeiten bei diesen Kindern im unteren Bereich der Normalität anzusiedeln sind. Heutige Sicht: Dichotomie im Hinblick auf Therapie nicht relevant, Crystal: „unausbalancierte Entwicklungsverläufe“.
      Störungen des Grammatikerwerbs werden in der Literatur unterschiedlich charakterisiert und definiert:

 

    • „Dysgrammatismus“: Begriff unterstellt eine modularitätsspezifische Störung, die ätiologisch auf die grammatische Sprachebene bezogen ist.
    • „Spezifische Sprachentwicklungsstörung“: Begriff geht davon aus, dass die kindliche Spracherwerbsstörung (a) spezifisch sprachbezogen und (b) eine Störung ist.
    • „Entwicklungsdysphasie“: Charakterisiert die Sprachstörungen als ein Störungsbild im Symptomwandel, bei dem der grammatische Störungsbereich nicht als sprachpathologische Sonderkategorie festgelegt werden kann.
    • Grammatische Spracherwerbsstörung: Begriff lässt offen, ob (a) die Störung sprachspezifisch ist, (b) wie sie ätiologisch zu fassen ist. „Mit ´Grammatischen Störungen´wird die Teilproblematik des gestörten kindlichen Spracherwerbs bezeichnet, bei der Kinder die morphologischen und syntaktischen Fähigkeiten, die sie zum korrekten Gebrauch ihrer Bezugssprache benötigen, nicht altersgemaß erwerben“ (Motsch 2006, 39).

Ätiologie (Ursachenvermutungen)

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„Reine Grammatikhypothese“

(so von Dannenbauer 1989 kritisch tituliert, Vertreter: Clahsen, Schöler, Grimm) geht davon aus, dass die Ursache einer Störung des Grammatikerwerbs eine selektive Störung des grammatischen Prozessors ist, sie also eine modulare Störung darstellt. Implizit unterstellt die „reine Grammatikhypothese“, dass „entwicklungsdysphasische Kinder“ in der grammatischen Verarbeitung über sprachliche Daten gleicher Qualität verfügen wie normalsprechende Kinder.

Clahsen geht davon aus, dass bei Kindern mit Störungen im Bereich der Grammatik bestimmte Flexionselemente und Funktionswörter fehlerhaft kategorisiert und erst gar nicht als solche identifiziert werden können, weil Probleme auf der morphologischen (und nicht der syntaktischen) Ebene dies verhindern (Genuszuweisung von Nomen an Artikel, Kasuszuweisung von Verb oder Präposition an Nominalphrase, Person-Numerus-Flexikon des finiten Verbs in Abhängigkeit von der Subjekt-Nominalphrase, Verwendung von Auxiliaren als lexikalische Platzhalter für morphologische Markierungen). Der Schwerpunkt der Störung liegt in einer Störung eines Teilbereiches des grammatischen Moduls („Control-Agreement-Principle“), das die Kongruenzphänomene regelt.

Schöler sieht die Hauptschwierigkeiten dysgrammatisch sprechender Kinder beim Dekomponieren morphologischer Komplexe (z. B. Stamm + Suffix) und beim Aufbau morphologischer Paradigmen.

Für Grimm stehen ebenfalls morphologische Probleme im Vordergrund, die aber von einem eigenständigen und langanhaltenden Defizit auf der syntaktischen Ebene ergänzt wird.

Umweltstimulanz durch Interaktionsverläufe

Die Qualität des Sprachinputs in den ersten 2 bis 3 Lebensjahren ist, wenn man die Theorie von Locke zugrunde legt, von besonderer Bedeutung. Dieser Sprachinput wird in dem entwicklungskritischen Zeitraum in erster Linie durch das engere familäre Umfeld bereitgestellt (nach Motsch 2006).

Problemlösungsfähigkeit

Bei grammatisch gestörten Kindern scheint die Informationsverarbeitung verlangsamt und bestimmte operationale Fähigkeiten eingeschränkt zu sein (induktives Denken, Klassifizieren, Analogien bilden, Strukturieren, Planen).

Kapazität des phonologischen Arbeitsgedächtnisses

Kinder benötigen für einen ungestörten Grammatikerwerb die Fähigkeit, gehörte Satzkonstruktionen in ihrem Arbeitsgedächtnis aufzunehmen und dort analysieren zu können. Eine Untersuchung von Berg und Motsch (nach Motsch 2006) deutet darauf hin, dass ein großer Teil grammatisch gestörter Kinder nur eine über eine eingeschränkte Kapazität des phonologischen Arbeitsgedächtnisses verfügt.

Rhythmus- und Zeitverarbeitung

Die Nutzung rhythmisch-prosodischer Funktionen ist grammatisch gestörten Kindern erschwert. Ihre Wahrnehmung zeitlicher Abfolgen bezogen auf Sprachsignale (= Fähigkeit, sprachliche Einheiten in ihrer korrekten Reihenfolge wahrzunehmen, aufrechtzuerhalten, zu verarbeiten oder für die Produktion in korrekter Reihenfolge aufzubauen) ist beeinträchtigt (Motsch 2006).

Phonologiehypothese

(Leonard et al. 1988, Chiat und Hirson 1987, nach Dannenbauer 1989). Besagt, dass die phonologische Verarbeitung sprachlicher Informationen nur unzureichend funktioniert (Segmentierung, Diskriminieren, Klassifizieren, Speichern, Abrufen etc.). Die grammatische Verarbeitung könnte potentiell intakt sein, muss aber mit unpräzisen und lückenhaften Daten operieren. Die zwangsläufige Folge ist eine fehlerhafte Grammatik.

Lexikalische Aspekte und Interaktion sprachlicher Bereiche

Dannenbauer (1989) geht davon aus, dass Aspekte des lexikalischen Lernens (Erwerb der begrifflichen Strukturen, Erwerb der Lautgestalten der lexikalischen Einheiten, Integration der jeweiligen syntaktischen Kategorien in das Wortwissen) bei dem Störungsbild einer „Entwicklungsdysphasie“ eine Rolle spielen. Er verweist u. a. auf Arbeiten von Bates et al., der die Hypothese aufstellt, dass lexikalische und grammatische Lernprozesse vom gleichen Mechanismus geleitet sein könnten.Dannenbauer (u. a. bereits 1989) kommt dem Lexikonerwerb eine Schlüsselfunktion innerhalb der Genese einer „Entwicklungsdysphasie“ zu, weil er geradezu eine Schnittmenge derjenigen Bereiche bildet, deren Interaktion in dem Bedingungsgefüge bei der Genese des Störungsbildes im Vordergrund steht (semantische, grammatische, phonologische Dimensionen des Lernens und allgemeinere kognitive Strategien und Stile).

Erwerbsphasen

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Phaseneinteilung nach Clahsen (zusammengefasst nach Motsch 2006)

      1. Einwortäußerungen
      2. Zweiwortäußerungen
      3. Mehrwortäußerungen (erste Äußerungen mit Verb-Zweitstellung)
      4. Erwerb der Verbzweitstellungsregel und der Subjekt-Verb-Kongruenz, Beginn der Kasusmarkierung
      5. Erwerb der Kasusrektion, Erwerb subordinierter Nebensätze mit Verb-Endstellung

Therapieansätze

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      • Pattern Practice (produktionsorientierte Satzmusterübungen): z. B. Ansatz der Wiener Sprachheilschule „Wir wollen gute Sätze bauen“, amerikanische behavioristische und verhaltenstherapeutische Ansätze
      • Kompensatorische Methoden (Wortbildzeile nach Kregcjk, kommunikative Reihensätze nach Katz-Bernstein, Bildersequenzen, die dem Kind visuell die Reihenfolge der Phrasenteile zeigen, nach Cooke/Williams)
      • Inputmanagement (rezeptionsorientierte Angebote)
        • Entwicklungsproximaler Ansatz (Dannenbauer 1983)
        • Linguistische Inputtherapie (Penner und Funk 1998)
      • Ökolingupädischer Ansatz (Homburg)
      • Psycholinguistische Sprachtherapie (Hansen)
      • Patholinguistischer Ansatz (Siegmüller/Kautschke)
      • Kooperative Sprachtherapie (Welling/Kracht)
      • Kontextoptimierung (Motsch 2006)

Diagnoseverfahren

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Auswahl

    • Allgemeiner Deutscher Sprachtest (ADST, 1978, Steinert)
    • Heidelberger Sprachentwicklungstest (HSET, 1978, 1992, Grimm/Schöler)
    • Psycholinguistischer Sprachentwicklungstest (PET, 1974, 1977, Angermaier)
    • Kindersprachtest für das Vorschulalter (KISTE, 1994, Häuser)
    • Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder (SETK 3 – 5, 2001, Grimm)
    • Patholinguistische Profilanalyse (2002, Kauschke & Siegmüller)
    • Profilanalyse (1986, Clahsen)
    • Computerunterstützte Profilanalyse (COPROF,1991, Clahsen & Hansen)
    • Morphosyntaktisches Entwicklungsgitter (Bertz, 1994)
    • Evozierte Sprachdiagnose grammatischer Fähigkeiten (ESGRAF, 1999, 2000, Motsch)