Entwicklungsproximale Sprachtherapie nach Dannenbauer

  • Zusammengestellt nach einem Text von Ute Haffner aus: Dies.: "Gut reden kann ich"

Zum Entwicklungsproximalen Ansatz:

  • 1983 von Dannenbauer entwickelt
  • Intervention zur Förderung dysgrammatisch sprechender Kinder
  • Menschenbild:
  1. auch dysgrammatisch sprechende Kinder sind aktive Lerner
  2. sie müssen sich das System der Muttersprache unter den erschwerten Bedingungen aneignen einer eingeschränkten Verarbeitungskapazität aneignen
  3. Sprachlernprozesse sind die gleichen, die auch normalspracherwerbende Kinder durchlaufen
  4. Regeln der Sprache müssen erschlossen und verinnerlicht werden
  5. "Die entwicklungsproximale Sprachtherapie sucht nicht nach einem grundsätzlich anderem Weg für jene Kinder, die Schwierigkeiten haben, die alters- und umweltangemessenen Sprachstandards zu erreichen."
  6. inhaltlich und methodisch enge Orientierung "an den Bedingungen, Prozessen und Phasen des natürlichen und normalen Spracherwerbs".
  7. Einflußfaktoren, deren Relevanz von der Sprachentwicklungsforschung nachgewiesen werden konnten, werden im Rahmen der Therapie bewußt manipuliert und optimiert führt zu: trotz eingeschränkten Ressourcen ein effektives Sprachlernen ermöglichen

Kernstück der Entwicklungsproximalen Sprachtherapie:

"Vermittlung entwicklungsangemessener Sprachstrukturen über systematisch herbeigeführte Modellierungs-, Imitationssequenzen"

Es geht darum, Lehr- und Lernbedingungen zu schaffen, die es dem Kind ermöglichen, auf der Grundlage seiner Voraussetzungen, Lernbedürfnisse und Intentionen sein Sprachsystem eigenaktiv auszubauen.

  • äußere Bedingungen optimieren führt zu: Anregung und Optimierung innerer Verarbeitungsfunktionen
  • Entwicklungsproximale Sprachtherapie = "inszenierte(r) Spracherwerb" (Dannenbauer)
  • Inszenierung = "absichtsvolle Organisation eines erheblichen Mehr von dem, was im natürlichen Spracherwerb eher beiläufig geboten wird."
  • Kind ist aktive Lerner
  • gleiche Sprachlernprozesse wie "normal"
  • erschwerte Bedingungen
  • geringe Verarbeitungskapazität
  • Regeln erschließen und verinnerlichen
  • Orientierung "an den Bedingungen, Prozessen und Phasen des natürlichen und normalen Spracherwerbs"
  • Entwicklungsproximale Sprachtherapie = "inszenierte(r) Spracherwerb"

Vorgehen

Zusammenwirken internaler und externaler Variablen

konkrete Erfahrungen mit

  1. Objekten und Ereignissen
  2. linguistischen Strukturen und interpersonalen Interaktionen (externale Faktoren)

Lernen über Prozesse der Hypothesen und Strategiebilung

Generalisierungen usw. (internale Faktoren) führt zu: Kind lernt, den Code seiner Umgebung unter Kontrolle zu bringen

  • externale Faktoren (Objekten und Ereignissen linguistischen Strukturen und interpersonalen Interaktionen
  • internale Faktoren (Lernen über Prozesse der Hypothesen und Strategiebilung, Generalisierungen usw.)
  • den Code der Umgebung unter Kontrolle bringen

Phasen des therapeutischen Prozesses

  1. Tragfähige Beziehung aufbauen
  • Gegenseitige Achtung, Wertschätzung und Vertrauen
  • Funktionen:
  1. Gelegenheit für Therapeuten, Persönlichkeit, Bedürfnisse, Erfahrungen und Sprachstand des Kindes kennenzulernen
  2. Legen wichtiger Grundlagen für den Prozeß des Modellernens:
  • Reden und Tun des Therapeuten müssen für das Kind bedeutsam sein, d.h. Therapeut = Status des Modells. Das führt dazu, das dass Kind stärker T. nachahmt.
  • Koordinierte Aufmerksamkeitsrichtung und Handlungsregulation müssen gesichert werden (diese sind später als Transportsysteme wichtig)

Individuelle Therapieziele ermitteln

  • Ausgangspunkt: Sprachentwicklungsstand des Kindes
  • Therapieziele: Zone der nächsten Entwicklung
  • hypothesengeleitete Entscheidungen
  • Orientieren sich an Reihenfolge und Logik des normalen Spracherwerbs

Lerneinheiten in motivierende Sach- und Handlungskontexte einbetten

  • möglichst natürliche Situationen
  • sollten den Interessen und Neigungen des Kindes entsprechen
  • besonders geeignet sind
  1. bevorzugte Spielformen
  2. Themen
  3. Gegenstände
  • Situationen sollten die Aufmerksamkeit des Kindes auf die sprachliche Zielstruktur lenken
  • die Merkmale der sprachlichen Zielstruktur diskriminierbar machen
  • und ihre funktionale Verwendung im Sachzusammenhang evozieren (deutlich machen)
  • wichtig ist, daß die Situation vorstrukturiert ist
  • gleichzeitig sollten sie allerdings den Charakter offener Angebote haben, die dem Kind genügend Raum für Eigeninitiative und Mitgestaltung bieten
  • Funktion des Therapeuten:
  • ausgewählte Sprachstruktur durch Techniken des Modellierens zu vermitteln
  • Tragfähige Beziehung
  • Individuelle Lernziele
  • Anknüpfen an Sprachentwicklungsstand
  • motivierende Handlungs- und Interaktionsmuster

Modellieren

  • Strategien, durch die Eltern absichtslos und von Intuitionen geleitet in den Interaktionen des natürlichen Spracherwerbs das Lernen ihrer Kinder fördern
  • werden in der entwicklungsproximalen Sprachtherapie geplant, strukturiert und optimiert eingesetzt
  • wiederholte hervorgehobene Präsentation der jeweiligen Zielstruktur in abwechslungsreichen Modell- und Feedbackäußerungen im direkten Sachzusammenhang
  • zielt zunächst auf rezeptive Dimension der Sprachverarbeitung ab (hiermit beginnt grammatisches Lernen grundsätzlich)
  • durch das anschließende Modellieren der Zielstruktur mit erhöhter Frequenz, Intensität und Rekurrenz wird es anschließend dem Kind leichter gemacht,
  • die Zielform zu diskriminieren und
  • ihre relevanten Merkmale aufzubauen

Kindlichen Äußerungen vorausgehende Sprachmodelle

Präsentation

  • Situations- und rollentypische Sprechweisen demonstrieren
  • --> Zweck: Zielformen gehäuft einführen
  • Zunächst beobachtet das Kind, später kann es eine Rolle übernehmen
  • Kontext Dressurspiel: Sprachmodelle: "Du sollst Männchen machen / herkommen / Pfötchen geben ... jetzt sollst du..." oder "Soll ich durch den Reifen springen? ... soll ich...?"
  • Parallelsprechen

    • Kindliche Vorhaben und Wünsche werden sprachlich umgesetzt.
    • Das Kind erfaßt sprachliche Zielformen in Bezug auf seine aktuelle Bedürfnislage
  • Kontext: Spielvorbereitung (Kind öffnet Spielkiste); Sprachmodelle: "Du willst wohl die Autos holen ... wollen wir mit der Garage spielen? ... Du willst bestimmt ... Ich will auch..."
  • Linguistische Markierung

    • Situationsmerkmale, auf die das Kind gerade achtet, werden versprachlicht, um die Zielstruktur in den Fokus seiner Aufmerksamkeit zu rücken.
    Kontext: Parkgaragenspiel; Sprachmodelle: "Hier mußt du warten ... du mußt noch zahlen ... wir müssen nach oben fahren ... ich muß vorher aussteigen..."

    FA-Fragen (forced alternative)

    • Zwei Modell einer Struktur werden dem Kind zur Beantwortung angeboten
    • Antwortet das Kind elliptisch (mit Auslassungen), kann eine Expansion erfolgen
  • Kontext: Zauberspiel; Therapeut: "Zauberer, kannst du nur laufen oder kannst du auch fliegen?" Kind: "Fliegen." Therapeut: "Du kannst also fliegen."
  • Kindlichen Äußerungen nachfolgende Sprachmodelle

    Expansion

    • Kindliche Äußerungen werden unter Einbau der Zielstruktur vervollständigt
  • Kontext: Unfallspiel; Kind: "Jetzt der Feuerwehr abgeschleppt werden" Therapeut: "Ja, die Feuerwehr muß abgeschleppt werden."
  • Umformung

    • Kindliche Äußerungen werden in veränderter Form wiedergegeben, wobei die Zielstruktur eingeführt oder variiert wird.
  • Kontext: Autospiel, K.: "Nimm das Lastauto!" oder "Du sollst das Lastauto nehmen!" T.: "Gut, ich soll das Lastauto nehmen
  • korrektives Feedback

    • Kindliche Äußerungen mit fehlerhafter Zielstruktur werden berichtigt wiedergegeben
  • Kontext: Unfallspiel; K.: "Der Krankenwagen nicht kommen muß." T.: "Der Krankenwagen muß nicht kommen."
  • Modellierte Selbstkorrektur

    • Fehler des Kindes bei der Zielstruktur werden von der Therapeutin übernommen und sofort bei sich selbst korrigiert.
  • Kontext: Piratenspiel; "Wir muß uns beeilen." T.: "Stimmt wir muß ... ach falsch: Wir müssen uns beeilen."
  • Extension

    • Es wird semantisch an die kindliche Äußerung angeknüpft und diese unter Verwendung der Zielstruktur logisch weitergeführt.
  • Kontext Unfallspiel: K.: "Tot wer?" T.: "Ja der Krankenwagen muß kommen."
  • Literatur

    Clahsen, H. Spracherwerb in der frühen Kindheit, Tübingen 1982.
    Clahsen, H. Die Profilanalyse. Ein linguistisches Verfahren für die Sprachdiagnose im Vorschulalter. Berlin 1986.
    Clahsen, H. Normale und gestörte Kindersprache, Amsterdam 1988.
    Dannenbauer, F.M. Techniken des Modellierens in einer entwicklungsproximalen Therapie für dysgrammatische sprechende Vorschulkinder. Der Sprachheilpädagoge 16 (1984a), 35-49.
    Dannenbauer, F.M. Überlegungen zur Bedeutung des Verzögerungsfaktors in der Sprachentwicklung dysgrammatisch sprechender Kinder. Der Sprachheilpädagoge 2 (1984b).
    Dannenbauer, F.M. Einige Gesichtspunkte zur Modifizierungder Verzögerungs-Abweichungs-Dichotomie von Störungen der grammatischen Entwicklung. Die Sprachheilarbeit 30 (1985), 234-238.
    Dannenbauer, F.M. Spezielle Probleme der Sprachtherapie bei dysphasischen Kindern. In Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik 1987.
    Dannenbauer, F.M. Patholinguistische Phänomene der entwicklungsdysphasie als Zielbereiche der Sprachdiagnostik, in: Günther, K.B. (Hg.): Sprachstörungen. Heidelberg 1988.
    Dannenbauer, F.M. Ist der kindliche Dysgrammatismus grammatisch? Zu den Sprachproblemen entwicklungsdysphasischer Kinder. Die Sprachheilarbeit 34 (1989), 151-168.
    Dannenbauer, F.M. Vom Unsinn der Satzmusterübungen in der Dysgrammatismustherapie. Die Sprachheilarbeit 36 (1991), 202-209
    Dannenbauer, F.M. Grammatik, in: Baumgarner, Füssenich: Sprachtherapie mit Kindern, München 1992a.
    Dannenbauer, F.M. Von der Sprachproduktion zum Multipleformansatz: Der Stellenwert der Spontansprachanalyse in der Dysgrammatismustherapie. Der Sprachheilpädagoge 24 (1992b)
    Dannenbauer, F.M. Zur Praxis der entwicklungssproximalen Intervention, in: Grimm / Weiners (Hg.): Methoden der Intervention bei dysphasisch-sprachgestörten Kindern: Theoretische und praktische Perspektiven (1992d)
    Dannenbauer, F.M. Aspekte der entwicklungsproximalen Sprachtherapie und des Therapeutenverhaltens bei entwicklungsdysphasischen Kindern. In: Grohnfeldt, M. (Hg.): Handbuch der Sprachtherapie, Bd. 4: Störungen der Grammatik, Berlin 1991.
    Haffner, Ute "Gut reden kann ich" - Das Entwicklungsproximale Konzept in der Praxis - eine Falldarstellung -, Dortmund (Verlag modernes Lernen) 1995 .
    Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik (Hg.)
      Spracherwerb und Spracherwerbsstörungen, Hamburg 1987.