Neurobiologische Grundlagen des semantisch-lexikalischen Erwerbs

Für die hier entwickelten Ansatz einer unterrichtsintegrierten störungsspezifschen Unterstützung von Schülern mit semantisch-lexikalischen Störungen, ist es von höchster Bedeutung sich den Grundmechanismus zu verdeutlichen, der dazu führt, dass wir ein Wort (sowohl von seiner Wortform als auch von seinem Wortinhalt her) lernen.

Die grundlegende Einheit, sozusagen die Gehirnatome des Worterwerbs, sind die Cell assemblies.

Die Theorie der Cell assemblies wurde im deutschsprachigen Raum von Pulvermüller (1996) bearbeitet. Er postuliert in seinem neurobiologischen Ansatz der Sprachverarbeitung, dass sprachliches Wissen im Gehirn in Form von funktionale Einheiten bildender Neuronenverbände (Cell assemblies) repräsentiert ist. Grundlage seiner Theorie ist die von Donald Hebb (1949) postulierte Gesetzmäßigkeit, dass das Frontalhirn von Säugetieren ein Assoziationsspeicher ist, in dem sich Nervenzellen, die oft gleichzeitig aktiv sind, zu funktionellen Einheiten verschalten: „Eine Cell Assembly ist eine Gruppe kortikaler Neuronen, die untereinander stark exzitatorisch verknüpft sind, wobei sich die starke Verschaltung“ gemäß dem Hebbschen Gesetz „aufgrund häufiger gemeinsamer Aktivität ausgebildet hat“ (Pulvermüller 1994, 24). Die starke Verschaltung der an einer Cell Assembly beteiligten Nervenzellen führt dazu, dass die Aktivierung eines genügend großen Teils des Neuronenverbandens zur Zündung der gesamten Assembly führen kann. Dies korrespondiert mit einigen von Glück (2000) dargestellten gedächtnistheoretischen Aspekten.

Ein wesentlicher Bestandteil des Cell assembly-Ansatzes ist der auf Braitenberg (1978) zurückgehende Schwellen-Kontroll-Mechanismus, der verhindert, dass mehrere Neuronennetze gleichzeitig zünden (Pulvermüller 1996, 24f.). Bei dieser Hemmung unpassender Kandidaten spielen Neuronen des Neostratiums, des Thamalus und des Globus Pallidus eine große Rolle (Pulvermüller/Schuman 1994, 706). Bei einer hohen Lernmotivation wird zudem im Mittelhirn Dopamin ausgeschüttet: „Positiv evaluation of learing situations leads to amygdala-midbrain associations of language elements. Such evaluation connects linguistic assemblies to neurons in the amygdala and the midbrain“ (Pulvermüller und Schumann 1994,721). Die dopaminergenen Netzwerke des Mittelhirns und des Corpus amygdaoideum werden durch positive Lernerfahrungen mit denjenigen Netzwerken verbunden, die rein sprachliche Informationen repräsentieren und in der Folge gemeinsam aktiviert (Pulvermüller 1996, 99-103).