Basisinformationen: Semantisch-lexikalische Störungen
Grundlegende Theorien
Kognitiv entwicklungspsychologische Theorien und Merkmalstheorien
Kognitionstheoretische Theorien
- Ursprüngliche Merkmalstheorie
- Clark 1973: Semantische Merkmalshypothese
- Nelson 1974: Funktionale Kernhypothese
- Stern und Stern 1928: Bedeutungswandel
- Bowerman / Rosch 1973 und 1977: Prototypentheorien
- Clark 1983: Lexikalische Kontrasttheorie
- Szaguns Begriffsorientiertes Bedeutungsmodell (kognitionspsychologische Perspektive)
Entwicklungstheorien und entwicklungspsycholinguistische Theorien + Sprachproduktionsmodelle
Überwiegend das mentale Lexikon thematisierende, also eine gedächtnistheoretische Aspekte fokussierende Theorien
- Aitchison: Mentales Lexikon
- Grimm: Entwicklungspsycholinguistischer Ansatz
- Dannenbauer 1997 und Glück 2000: Wortfindungsstörungen
- Rothweiler: Störungen des lexikalischen Erwerbs
- Sprachproduktionsmodell von Levelt
- Locke: Biolinguistischer Ansatz
Pragmatische und Interaktionistische Ansätze
- Pragmatische Auffassung des Spracherwerbs nach Bruner
- Zollinger: kommunikativ-pragmatische Grundbedingungen des Spracherwerbs
Störungsbilder
1. Spracherwerbsstörungen im lexikalisch-semantischen Bereich
* Wortschatzdefizite
* semantische Defizite (falsche oder fehlende Wortbedeutungen)
* Wortbildungsmängel und Wortbildungsfehler
* Störungen in der Struktur des des mentalen Lexikons:
+ Störungen in der Organisation des Wortschatzes
+ Störungen im semantischen Lexikon
+ Störungen im Lexikon der Wortformen
2. Wortfindungsstörungen und Wortabrufstörungen
(nach Braun 2002)
Ätiologie (Ursachenvermutungen)
- Störungen der Hirnreifung verursachen zunächst Defizite bei den sprachlichen Vorläuferfunktionen (Kognition, soziale Kognition, Wahrnehmung). Diese bewirken, dass die entwicklungskritische Grenze von 50 Wörtern im Alter von 2 Jahren (normal: 1;6 Jahre) nicht erreicht wird. Die Folgen sind neurobiologische Auffälligkeiten und Störungen in der Fähigkeit zur phonologischen und grammtischen Analyse des Sprachinputs
- unangemessene Erwerbsstrategien (contraints) – Rothweiler
Prälinguistische Prozesse |
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Praktisch-gnostischer Bereich: (a) Störungen der Planung und Durchführung von Handlungen und (b) Störungen beim Begreifen der Handlungssituation |
Zollinger |
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Symbolischer Bereich: Nicht-Entdecken des Handlungsresultats |
Zollinger |
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Sozial-kommunikativer Bereich: Fehlender triangulärer Blickkontakt |
Zollinger |
Aufnahme – Verarbeitung – Speicherung |
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Verlangsamte Hirnreifung führt zu verspätetem und nicht ausreichend großem frühen Lexikonerwerb --> Folge: Analysesysteme für Sprache werden nicht aktiviert. |
(Locke) |
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Aufmerksamkeit für Sprache |
(Ritterfeld 2002) |
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Geringe Kapazität des phonologischen Arbeitsgedächtnisses |
Gathercole & Baddeley 1990, Gathercole & Adams 1995, Montgommery 1995 |
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Phonologische Probleme |
Dollaghan 1987, Montgommery 1995 |
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Gestörte Wahrnehmung zeitlicher Abfolgen (Sequenz-, Serialitätsgedächtnis) |
Tallal, Graichen, Kegel |
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Speicherstörung (qualitatives sprachliches Speicherdefizit) |
Graichen (1989) |
Abruf – Produktion |
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Anderson (1996): 3 Prozessphasen des automatisierten Abrufs Sprachproduktionsmodell |
Kail & Leonard 1986 Levelt |
Grundlegender Ablauf des Erwerbs
Für den Erwerb von Bedeutungen können u.a folgende Punkte aufgeführt werden:
1. Beim Worterwerb ist das Wort die relevante Sprachverarbeitungseinheit (Aitchison 1997, Glück 2000). Prosodische Informationen helfen dem Kind, Wortgrenzen zu identifizieren. Sprachgestörten Kindern fällt es schwerer als sprachnormalen, prosodische Informationen zu nutzen.
2. Durch das "fast-mapping" (Schnellzuordnung) weisen Kinder einem Wort schnell vorläufige Bedeutungsskizzen zu. Diese werden im weiteren Verlauf des Erwerbs durch weitere semantische Merkmale und andere Informationen ergänzt.
3. Das Kind filtert die eingehenden Informationen durch referentielle und taxonomische Vorannahmen (constraints). Das Kind "weiß" im Voraus, dass es sich bei einem neuen Wort nicht um inhärente Eigenschaften (z. B. Lautmalerei) der Referenten, sondern um arbiträre (durch Konvention festgelegte) Symbole handelt. Beim Bedeutungserwerb versucht das Kind zu klassifizieren (taxonomische Orientierung) und geht davon aus, dass jeweils das ganze Objekt (und nicht nur ein Teil davon) gemeint ist. Außerdem gilt die "Annahme der gegenseitigen Ausschließlichkeit", die z. B. besagt, dass es für einen Referenten auch nur ein Wort geben kann.
4. Das Kind benutzt Einstiegshilfen (semantisches und syntaktisches bootstrapping) (Glück 2000).
Erwerbsphasen
Nach Grimm
- Früher Worterwerb
- Benennungsexplosion
- Schnelles Wortlernen für Verben und andere relationale Wörter
Therapieansätze
Grundsätzlich gilt: Am besten ist es, durch Frühintervention bei Risikokindern (late-talkern) die Genese einer Spracherwerbsstörung zu verhindern (Grimm, Dannenbauer, Locke). Hat sich eine semantisch-lexikalische Störung herausgebildet, gibt es folgende Therapieansätze:
- Semantische Elaborationstherapie (McGregor&Leonard, Glück)
- Phonologische Elaborationstherapie (McGregor&Leonard, Glück)
- Abruftherapie (Glück)
- Strategietherapie (Glück)
- Kindorientierter Förder- und Therapieansatz zum Begriffs- und Bedeutungslernen (Füssenich)
- Therapie der semantischen Kategorisierung (Siegmüller/Fröhling)
- Lexikalische Sprachförderung (Rothweiler)
Diagnoseverfahren
Voraussetzungen
- Entwicklungsprofil kommunikativer, kognitiver, praktisch-gnostischer Fähigkeiten (Zollinger)
- Phonologisches Arbeitsgedächtnis (z. B. Mottier, Subtests aus SETK 3-5, K-ABC)
- ELFRA- und ELFRA-2 zur Früherfassung von Risikokindern (Grimm)
1. Screenings
- Beobachtung in natürlichen Gesprächssituationen (z. B. Unterrichtssituation) oder anderen Testsituationen (z. B. ESGRAF)
- Spontansprachanalyse
- Exemplarische Überprüfung (Kriterien von Glück 2002)
2. Wort / Konzept
- Aktiver Wortschatz (Benennungstest):
- z. B. AWST-R 3-5 Aktiver Wortschatztest für 3-5jährige
- Aktiver Wortschatztest (AWS, Rothweiler)
- Passiver Wortschatz (Zeigen):
- z. B. WSS 1 Wortschatztest für Schulanfänger
- Peabody Picture Vocabulary Test (PPVT)
- Passiver Wortschatztest (PWS, Rothweiler)
- Konzept erklären
- z. B. Hawik, Hawiva
- Fähigkeit, Kategorien zu bilden
- SON-R 5½-17 (Subtest Kategorien)
- HSET – Wortfindung
- HSET – Subtest Begriffsklassifikation
- Semantische Vernetzung (Relationen)
- z. B. HSET (Synonyma finden, Oberbegriffe finden)
- KISTE
- Assoziative Vernetzung
- z. B. freie oder gebundene Assoziationen
3. Satz
- Handeln nach Sätzen
- z. B. HSET
4. Text
- Geschichte nacherzählen
- z. B. HSET