Begriffsbestimmungen: Wort, mentales Lexikon, semantisch-lexikalische Störungen
"Semantische Störungen“ (Grohnfeldt 1991a, 1997),“Sprachentwicklungsstörungen auf der semantischen Ebene“ (Füssenich 1999), „lexikalische Störungen“ (Braun 2002), „semantisch-lexikalische Störungen“ (Vogt 2003), „lexikalische Erwerbsstörungen (Rothweiler 2001, Braun 2002), „Wortschatzdefizite“, „semantische Defizite“, „Wortbildungsmängel“, „Wortbildungsfehler“, „Wortfindungsstörungen“, „Wortabrufstörungen“, „Wortschatzarmut“ (Giseke/ Harbrucker 1991).
Die Vielfalt der Begriffe für den semantisch-lexikalischen Erwerb und seiner Störungen hängt damit zusammen, dass dieser Gegenstand von verschiedenen Perspektiven her betrachtet werden kann.
Semantik ist die Lehre von den Wortbedeutungen. Lexik befasst sich mit dem Wortschatz. Genauer: einerseits mit der Gesamtheit aller Wörter einer Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt. Andererseits mit der Gesamtheit aller Wörter einer Sprache, die ein einzelner Sprecher kennt oder verwendet.
Semantischer Erwerb ("semantische Entwicklung" im engeren Sinne) meint also den Erwerb von Wortbedeutungen. Lexikalischer Erwerb meint den Erwerb des Wortschatzes.
Welcher Aspekt ist der wichtigere? Von manchen Autoren werden Aspekte des semantischen und lexikalischen Erwerbs überwiegend unter dem Aspekt der Wortbedeutungen und ihres Erwerbs betrachtet (z. B. Grohnfeldt 1991a). Eine andere Position vertritt Rothweiler. Im Gegensatz zu Bowermann, Füssenich und Grohnfeldt spricht Rothweiler von lexikalischem Erwerb statt von Semantikerwerb, weil ihrer Meinung nach mit dem Begriff Semantik eine Beschränkung auf die Bedeutungsseite von Wörtern verbunden ist. „Aspekte des lexikalischen Erwerbs an sich, des Wortschatzumfangs und seiner Zusammensetzung, der Wortformen, der morphologischen Struktur von Wörtern und der Wortfindung werden diesen Begriff nicht abgedeckt“ (Rothweiler 2001, 19). Braun sprach in frühen Texten (Braun1991) von "semantischen Störungen" und ist inzwischen (Braun 2002) zu dem Terminus "lexikalische Störung" übergegangen.
Bereits bei der Frage nach dem Charakter des Wortes beginnen die Meinung weit auseinander zu gehen.
Grohnfeldt (1991a, 6) definiert ein Wort unter dem Aspekt seiner Bedeutung als Symbol für einen Begriff. Lurija (1991, 210) bestimmt unter neuro-psychologischem Aspekt ein Wort als komplexe mehrdimensionale Matrix unterschiedlicher Hinweisreize und akustischer, morphologischer, lexikalischer und semantischer Verbindungen. Für den Gedächtnistheoretiker Levelt besteht unser Wortwissen aus Lemmata (lexikalische Bedeutung und syntaktische Eigenschaften eines Wortes) und Lexem (morphologischer Aufbau und phonologische Struktur des Zielwortes).
Was ist also ein Wort?
Nach Rothweiler (2001,28f.) gibt es keine universal gültigen Kriterien für die Identifikation der Wort, obwohl bereits Kinder intuitiv Wörter aus Sätzen isolieren können. Das Wort ist eine minimale selbstständige Bedeutungseinheit. Es unterscheidet sich semantisch nur geringfügig von der kleineren Einheit, dem Morphem und von der größeren Einheit, der Phrase. Die Unterschiede bestehen in referentieller Opazität (man kann nicht nur auf einen Teil des Wortes referieren) und lexikalischer Integrität (kein syntaktischer Prozess kann nur mit einem Teil des Wortes operieren). Phonetisch-phonologisch ist ein Wort ein Lautsegment, das durch Wortakzent und Grenzsignale identifizierbar ist. Morphologisch ist ein Wort eine strukturell stabile, selbstständige Einheit. Syntaktisch-distributionell können Wörter als Einheiten aufgefasst werden, die im Satz als kleinste selbstständige Bedeutungseinheiten isolierbar, verschiebbar und ersetzbar sind. Inhalts- und Funktionswörtern werden unterschiedlich gespeichert und haben einen unterschiedlichen psychologischen Status.
Wir unterscheiden im Deutschen die Inhaltswörter Verben, Adjektive, Nomen und Adverbien. Artikel, Präpositionen, Pronomen und Konjunktionen sind Inhaltswörter (Peuser 1993).
Unter semantischen Aspekt können (Inhalts-) Wörter wie folgt charakterisiert werden: Der menschliche Geist bildet Kategorien. Er ordnet Phänomene und klassifiziert sie als zu einer Gruppe gehörig. Konzepte bzw. Begriffe sind die mentale Repräsentation von Kategorien. Wörter sind sprachliche Ausdrücke oder Symbole für Konzepte.
Kategorienbildung bedeutet: Wir klassifizieren Objekte, Ereignisse, Handlungen, Zustände oder Relationen, die eine Reihe von Eigenschaften miteinander teilen als zu einer Gruppe gehörig. In der deterministischen bzw. relativistischen Sicht wird angenommen, dass die Strukturierung der Welt in Kategorien ursprünglich willkürlich ist. Das kleine Kind nimmt die Welt zunächst als Kontinuum wahr und lernt durch die Erwachsenen, die Welt zu klassifizieren, indem es „auf dieses Kontinuum eine Art Gitter setzt, das dazu dient, die Welt in einzelne Dinge und Ereignisse usw. aufzuteilen, die jeweils einen Namen tragen.“ Im der aristotelischen oder objektivistischen Weltsicht legen hingegen die Dinge selbst die Klassifikation fest. Die Kategorien existieren unabhängig von den Menschen und können trennscharf definiert werden. Beide Positionen können in ihrer strengen Form mittlerweile als widerlegt angesehen werden. Bereits seit der Antike gibt es die weiterführende Idee, dass die Welt durch unsere subjektive Wahrnehmung gefiltert wird.
Konzepte (bzw. Begriffe) sind mentale Repräsentation von Kategorien. Darüber hinaus sind sie ein sprachunabhängiges kognitives Wissenssystem der Repräsentation menschlicher Erfahrung und elementare Bausteine und Speichereinheiten der Kognition. Will ein Mensch über Konzepte sprechen, bildet er sprachliche Ausdrücke. Das sind in der Regel Wörter. Kontrovers wird diskutiert, ob Wortbedeutung und Wort identisch sind oder sich voneinander unterscheiden. Der holistische kognitive Ansatz (holistisch bedeutet ganzheitlich) trennt nicht zwischen semantischem Wissen und Weltwissen. Die Verarbeitung sowohl der Repräsentation und auch die Verarbeitung sprachlicher und nicht-sprachlicher Informationen folgt in dieser Perspektive universalen kognitiven Prinzipien. Modulare Ansätze nehmen verschiedene Aspekte des Wortwissens (Lemmata und Konzepte) an, die separat gespeichert werden (Rothweiler 2001).
Das „mentale Lexikon“ umfasst „jene Teilbereiche des Langzeitgedächtnisses (...), in denen unser Wortwissen in hochorganisierter Weise gespeichert ist“ . Es gibt zwei Bereiche des Wortwissens: das „Lemma“ (Bedeutung und syntaktische Kategorie des Wortes) und die Wortform oder „Lexem“ (morphologischer Aufbau und Lautgestalt des Wortes) (Dannenbauer 1997,4).
In der Theorie von Aitchison enthält das mentale Lexikon keine Lexeme, sondern Wörter als grundlegende Einheiten. Es handelt sich um eine "Mammutstruktur", die sehr umfangreich, komplex und überaus effektiv ist (Aitchison 1997, 19 u. 299).
Zu jedem Wort ist eine nahezu unbegrenzte Anzahl von Informationen gespeichert. Zu jeder lexikalischen Einheit gehören eine unüberschaubare Menge von Wörtern (samt kontextgebundener Beispiele), mit denen diese kombinierbar ist. Wörter sind häufig als Prototypen und in Relation zu anderen Wörtern im mentalen Lexikon eingetragen (kalt - warm - heiß). Weitere Aspekte, die zu unserem Wortwissen gehören sind:
- Gebräuchlichkeit,
- Daten über syntaktische Muster, in die sich ein Wort einpassen lässt,
- Flexionen,
- Aussprachevarianten (Soziolekte, Dialekte)
- usw.
Das mentale Lexikon ist hochstrukturiert, ein Mensch kann unglaublich viele Wörter speichern und sie extrem schnell abrufen. Speicherung und Zugriff sind miteinander verknüpft aber nicht identisch. Vielmehr stellt die Struktur des mentalen Lexikons einen Kompromiss zwischen den Anforderungen der Speicherung und denen des Zugriffs dar. Diese Anforderungen können sich zum Teil durchaus widersprechen. Insgesamt hat das mentale Lexikon eine Struktur, die einen Kompromiss darstellt, der weder für die Speicherung noch für den Abruf ideal ist. Möglicherweise gibt es auch unterschiedliche Speichersysteme (z. B. für lange und kurze oder für selten und häufig genutzte Wörter). Der Inhalt des mentalen Lexikons ist unbegrenzt und wird ständig aktualisiert. Er ist transferfähig (wir sind in der Lage, unbekannte Wörter sofort zu erschließen) (Aitchison 1997, 16-18).
Für den Erwerb von Bedeutungen können u.a folgende Punkte aufgeführt werden:
- Beim Worterwerb ist das Wort die relevante Sprachverarbeitungseinheit (Aichison 1997, Glück 2000). Prosodische Informationen helfen dem Kind, Wortgrenzen zu identifizieren. Sprachgestörten Kindern fällt es schwerer als sprachnormalen, prosodische Informationen zu nutzen.
- Durch das "fast-mapping" (Schnellzuordnung) weisen Kinder einem Wort schnell vorläufige Bedeutungsskizzen zu. Diese werden im weiteren Verlauf des Erwerbs durch weitere semantische Merkmale und andere Informationen ergänzt.
- Das Kind filtert die eingehenden Informationen durch referentielle und taxonomische Vorannahmen (constraints). Das Kind "weiß" im Voraus, dass es sich bei einem neuen Wort nicht um inhärente Eigenschaften (z. B. Lautmalerei) der Referenten, sondern um arbiträre (durch Konvention festgelegte) Symbole handelt. Beim Bedeutungserwerb versucht das Kind zu klassifizieren (taxonomische Orientierung) und geht davon aus, dass jeweils das ganze Objekt (und nicht nur ein Teil davon) gemeint ist. Außerdem gilt die "Annahme der gegenseitigen Ausschließlichkeit", die z. B. besagt, dass es für einen Referenten auch nur ein Wort geben kann.
- Das Kind benutzt Einstiegshilfen (semantisches und syntaktisches bootstrapping) (Glück 2000).
Bezogen auf Inhaltswörter ist der Worterwerb (lexikalischer Erwerb im engeren Sinne) vom Bedeutungserwerb (semantischer Erwerb im engeren Sinne) letztendlich also nicht zu trennen. Deshalb macht es meiner Ansicht nach wenig Sinn, eine Seite besonders hervor zu heben. Ich schlage deswegen den Terminus semantisch-lexikalischer Erwerb für den Wort- und Bedeutungserwerb sowie semantisch-lexikalische Erwerbsstörung bzw. semantisch-lexikalische Störung für Störungen beim Wort- und Bedeutungserwerb vor. Der Begriff "Erwerb" akzentuiert den aktiven Charakter der Sprachaneignung, während der Entwicklungsbegriff eher auf Reifungsprozesse zielt (vgl. Motsch 2006).