Intervention bei Wortfindungsstörungen nach Glück

Textgrundlage: Glück, W. Chr.: Kindliche Wortfindungsstörungen. Ein Bericht des aktuellen Erkenntnisstandes zu Grundlagen, Diagnostik und Therapie, 2., durchgesehene Auflage, Frankfurt am Main 2000, S. 241-257.

1. Semantisch-konzeptionelle Repräsentation
Qualität der Konzepte
Beziehungen zwischen Wortkonzepten
2. Phonologische Repräsentation
Qualität der Wortform
Segmentierung
3. Wortabruf: Genauigkeit und Geschwindigkeit
4. Phonologisches Arbeitsgedächtnis und Optimierung der Ressourcenverteilung
5. Verhalten und Strategien
Verhalten rund um die Wortfindung
Metawissen

1. Semantisch-konzeptionelle Repräsentation

Aufgaben:

  • Aufbau der zugrundeliegenden Wortrepräsentationen
  • >klassisches Feld<: Hier setzen die rein semantisch orientierten Theorien und Ansätze zur Förderung an.

Qualität der Konzepte

  • Spielhandlungssituationen
  • Lebensweltbezug
  • Multimodale Repräsentation: Lernen mit allen Sinnen etc. und intermodale Verknüpfung
  • Handlungen und die damit verbundenen perzeptuellen, funktionalen, motorische, sensomotorische und affektiven Kontexte als "Konzeptrohstoffe"
  • "Konzeptrohstoffe" prägnant repräsentieren (z.B. Funktion von Werkzeugen real erlebbar machen etc.)
  • Sensorisch und motorisch repräsentierte Konzepte müssen sprachlich ausgedrückt werden und umgekehrt.

Stufenfolge:

  1. gleichbleibende Kontexte
  2. variierende Kontexte

Von der kontextspezifischen zu einer flexiblen Enkodierung.

Enaktiv (handelnd) erarbeitete Konzepte ikonisch umsetzen: In der imagery-Debatte wurde deutlich, dass das visuelle Kodierungssystem anderen Lernkanälen überlegen ist. Neu erworbene zu sichernde Konzepte sollten deshalb von Th. und Kind gemeinsam zeichnerisch umgesetzt werden. So wird das Kind zur inneren Imagination angeregt.

Wortschatz:

Beziehungen zwischen Wortkonzepten

Methoden:

  • Organisieren
  • Elaborieren
Organisieren

Systematisierungen: orientiert an syntagmatischen und paradigmatischen Kriterien
Syntagmatische Ordnungsrelation ist für das Kind leichter zugänglich (thematischer Rahmen), bei Erwachsenen spielt die paradigmatische Relation die übergeordnete Rolle. Sie entwickelt sich im Grundschulalter. Das Kind wird fähig, Wortkonzepte aus ihrem unmittelbaren Kontext zu lösen und aufgrund abstrakter Merkmale zu Kategorien zusammen zu fassen. Diese Organisationsform ist flexibler und somit der Sprachproduktion angemessener.

Syntagmatische (konkrete) Phase
  • Wörter in Wortsammelbüchern sammeln
    Ausgeschnittene und ausgerissene Katalogbilder, Fotos, Zeichnungen, geschriebene Wörter als Ausgangsbasis für Systematisierungen
  • Bei jüngeren Kindern kann es vorkommen, dass lexikalisches Wissen derartig stark mit einer bestimmten Situation verknüpft ist (in sog. skripts), dass es in anderen Situationen nicht zur Verfügung steht.
    --> Themenorientierte Sprachförderung / themenorientierter Wortschatzaufbau. So werden Ressourcen der Sprachverarbeitung geschont un ein Kontextbezug hergestellt.
  • Sortierspiele: Konzepte zu einem Thema gehörend gruppiert
    Dadurch entstehen themenzentrierte Wortfelder
  • Mögliche Themen:
    • Einkaufen
    • In-die-Schule-fahren
    • In-den-Urlaub-fahren etc.
  • Bei gefestigten Begriffen Ordnen nach paradigmatischen Kriterien anregen: Kategorisierungen können "quer" zu thematischen Relationen liegen.
Paradigmatische (abstrakte) Phase
  • Begriffe müssen bereits gefestigt sein
  • Th. versucht Kategorisierungen anzuregen
  • Beispiel: Die Kategorie Transportmittel umfasst die konkreten Situationen Schulbuss / Auto zum Einkaufen / Wir fahren mit dem Zug in den Urlaub
  • Semantische Relationen
  • Medien: Quartett-Spiele, Dominospiele
  • Ablenker: Unpassende Wörter, die semantisch nah am Zielwort liegen (je näher, je schwieriger ist die Aufgabe)
  • Methodische Anregungen: Neuber, C., Rüffer, N. & Zeh-Hau, M. (1995) : Neurolinguistische Aphasietherapie, Teil 1: Lexikalisch-semantische Störungen, Hofheim: NAT-Verlag.
Elaboration
  • Organisieren ist streng genommen eine Form der Elaboration: "Ein Wortkonzept wird über assoziative Verbindungen dichter in das semantische Netzwerk eingebunden."
  • Verbindungen können über situative, perzeptuelle, funktionelle und syntaktische Gemeinsamkeiten hergestellt werden
  • Je Reichhaltiger die Verbindungen sind, je sicherer gelingt der Abruf
  • Methoden:
    • Memoriespiel mit assoziativ verknüpften Paaren (z.B. Zange - schneiden)
    • Multimodale Repräsentationen fein ausdiffenzieren und Unterschiede zu anderen Konzepten verdeutlichen (denken sie an z.B. den Englischunterricht)
    • Einbinden von Übungen zur Sätzeergänzung in Spielsituationen
    • Spiele zum Kompositabilden (Wörtererfinder)
    • Wörterketten bilden
    • Übungen, in denen zum Gegenstandskonzept das Tätigkeitskonzept assoziiert wird und dabei ein Wort in eine andere Wortklasse übersetzt wird (z.B. Hammer / hämmern)

2. Phonologische Repräsentation

Qualität der Wortform

  • Phonologische Komplexität bei Auswahl des Wortmaterials mit berücksichtigen (Wortlänge, Konsonantencluster)
    Kurze und phonologisch einfache Wörter werden leichter gespeichert
    Bei großen Schwierigkeiten des Kindes im phonologischen Bereich zunächst nur mit ein- und zweisilbigen Wörtern arbeiten
  • Wortformen in einer eher langsamen, leicht gedehnten Sprache wiederholt präsentieren
  • charakteristische Merkmale in natürlicher Weise prosodisch betonen oder konkret ansprechen (F-F-F-feile - klingt so wie eine Feile reibt)
  • Einzelne komplexe Wortteile werden isoliert und wiederholt (Schraub - Schraubstock)

Segmentierung

  • Stufen beim Erwerb der Gliederungsfähigkeit berücksichtigen, um eine optimale Vertiefung und Festigung des Wortwissens zu unterstützen
  1. Wortsegmentation = Fähigkeit, Äußerungen in die Abfolge einzelner Worte zu gliedern
  2. Silbensegmentation
  3. innersilbische Segmentation (Gliederung von Silben in Onset und Reim, trägt zur Fähigkeit, Reime zu erkennen und zu bilden bei)
  4. Phonemsegmentation
  • Reimaufgaben besonders geeignet
  • Initiallaute (Anfangslaut)
  • Dichter-Spiel
  • mögliche Wörter zu Anfangslauten sammeln
  • Wortskelette beleben

3. Wortabruf: Genauigkeit und Geschwindigkeit

  • Therapieziele:
    • Abrufgeschwindigkeit verbessern
    • Abrufgenauigkeit verbessern
  • Worthäufigkeitseffekt: Je häufiger ein Wort abgerufen wird, je besser gelingt der Abruf
  • Arbeit in Abrufkontexten, die verschiedene Hinweisreize (cues) enthalten, die dem Kind den Zugriff auf das gesuchte Wort vermitteln:
    1. funtionale Hinweise
    2. Bild-Hinweise
    3. Material-Hinweise
    4. semantische Hinweise im engeren SInne
    5. gestische Hinweise
    6. graphemische Hinweise
    7. phonologische Hinweise
  • Aktivierungs- und Schnellbenennungsspiele
  • häufiges Wiederholen in sinnvollen Zusammenhängen
  • erst dann, wenn eine Schwierigkeitsstufe automatisiert wurde, weitergehen
  • Prinzip: oft wiederholte kurze Übungen

4. Phonologisches Arbeitsgedächtnis und Optimierung der Ressourcenverteilung

Therapieprogramm von Gathercole (1993)
  1. Einfaches Anwenden
    • Zahlenfolgen merken (Telefonnummern von Comicfiguren)
    • Nachsprechen von Nichtwörtern (dabei helfen, einem Teddy neue Wörter beizubringen)
  2. Rehearsal-Training
    Memorierungstechiken anbahnen, indem Th. als Modell fungiert. Zunächst laut, später mit innerer Stimme artikulieren.
  3. Die Ausnutzung vorhandener Langzeitrepräsentationen zur Stützung des schwachen Arbeitsgedächtnisses heranziehen
    Ausgangspunkt: Sehr ähnliche einfache Wörter und Nichtwörter - an quasi Minimalpaaren die Analogie herausarbeiten (treten - queten) - übertragen der Technik auf das Lernen neuer echter Wörter
    Glück: event. Probelem phonologischer Ähnlichkeitseffekt --> Abrufblockade
  4. Zusätzliches Anwenden
    • Wort häufiger Repräsentieren
    • Kind zur Imitation anregen
    • Lenken der kindlichen Aufmerksamkeit auf die phonologische Struktur des Wortes
    • Ziel: Verankerung des Wortes im Langzeitgedächtnis
Ressourcenallokation

In dem Moment, in dem ein neues Wort eingeführt wird, sollte der Ressourcenaufwand für das Bekanntemöglichst minimiert werden. So hat das Kind mehr Ressourcen frei, um Neues aufzunehmen:

  • von phonologisch einfachen Wörtern ausgehen
  • später Komplexität steigern (Silbenzahl, Konsonantencluster)

5. Verhalten und Strategien

Verhalten rund um die Wortfindung

  • Hauptanliegen des Kindes im Gespräch: Kommunikation zu sichern und seine Intentionen zu vermitteln
  • dies gelingt nur, wenn die Äußerungsintentionen korrekt lexikalisch umgesetzt werden können
  • "Alle Verhaltensweisen des Kindes, die von seinem derzeitigen Stand hin zur optimalen Kommunikation führen, können gutgeheißen werden." (Glück 2000, 255)
  • störende Verhaltensweisen: Starter, Füssel, Wiederholungen, sinnleere Wörter
    können zu einer Angewohnheit werden - dann sollte die Therapie darauf zielen, effektivere Methoden anzubahnen
  • siehe auch das Orientierungsraster von Füssenich

Metawissen

  • Metawissen kann erst von Kindern nach Eintritt ins Grundschulalter genutzt werden
  • mehrere Hinweisreize können sich in ihrer priming-Wirkung summieren
  • selbst gesteuertesm vielseitiges Aktivieren des Wortkonzeptes, um die Aktivation auf der phonologischen Ebene über die Aktivierungsschwelle zu heben
  • Strategien:
    • Häufig abgerufene Wörter können leichter abgerufen werden
    • Der bewusste Abruf erfolgt über die unbewusste Aktivierung von Hinweisreizen - dieser Mechanismus kann durchaus bewusst gezielt gesteuert werden
    • Die Effektivität solcher cues (Hinweisreize) ist vom Grad der Elaboration abhängig
    • Anlaut als phonologischen cue zur Selbstdeblockierung nutzen
    • Eselsbrücken, Sinnsprüche nutzen
    • Einüben dieser Strategien mit Hilfe von Übunben zum Paarassoziieren, Generieren von Vorstellungen, Konstruieren von Eselsbrücken und raschen Bilden von Assoziationen --> bewusste phonologische und semantische Elaboration